Also erstmals: Victorinox macht vieles richtig, sonst würden sie nicht auf eine sehr erfolgreiche über 140-jährige Firmengeschichte zurückblicken. Doch Erfolg kann blind machen, und auch Messerenthusiasten und Messerliebhaber haben ihre blinden Flecken. Deshalb kann es sich lohnen, immer mal wieder zur Konkurrenz zu schauen.
Ich habe mich etwas der Firma SWIZA angenommen. Die Firma gibt es seit 1904. Taschenmesser werden allerdings erst seit 10 Jahren hergestellt, seit 2015.
Werkzeuge
Es ist erstaunlich wenn man die einzelnen Werkzeuge anschaut und vergleicht von SWIZA auf der einen Seite und der Paradelinie 91 mm von Victorinox auf der anderen Seite:


SWIZA stellt 24 verschiedene Werkzeuge her, davon 11 solche, welche Victorinox nicht produziert. Die Victorinox 91 mm Linie brachte 31 Werkzeuge hervor in über 125 Jahre Geschichte (die Barista Tools sind hier noch nicht enthalten), davon 14 welche SWIZA nicht produziert. Bedeutet, dass SWIZA bezüglich Werkzeugentwicklung und Werkzeugherstellung mit Victorinox gut mithalten kann und dies, obwohl sie dafür einen Bruchteil der Geschichte zu Verfügung hatten.
Wie gelingt ihnen das?
Einerseits werden verschiedene Kooperationen eingegangen. Daraus entstanden sehr vielfältige Modelle und Modellvarianten. Diese Kooperationen werden auf der Homepage gut ersichtlich dargestellt mit direktem Kanal, wo man die Produkte erwerben kann. Entstanden sind beispielsweise exklusive Produkte in Zusammenarbeit mit QoQa, die sogar preislich günstiger sind als die Standardmodelle. Dann reagiert SWIZA sehr flexibel. Für einen lokalen Event produziert man beispielsweise ein Raclettemesser welches kurzerhand in ein bestehendes Messer integriert wird.
Victorinox auf der anderen Seite hat zwar ein paar Kooperationen. Diese werden aber kaum je wirklich dokumentiert und sind auf der Homepage nicht ersichtlich, beispielsweise all die Kooperationen mit Militärs auf der ganzen Welt. Eine aktuelle Ausnahme stellt die Zusammenarbeit mit La Marzocco dar. Hier scheint man sich stark am Auftritt von SWIZA orientiert zu haben, denn das Marketing kommt sehr ähnlich daher (Victorinox x La Marzocco vs. SWIZA x MILUS oder andere). Ansonsten wirkt Victorinox recht träge was Neuheiten angeht, und wenig flexibel.
Personalisierung
An der Personalisierung führt in Zukunft kein Weg vorbei, da sind sich wahrscheinlich beide Messerhersteller einig, und bei beiden ist dies in grosses Thema auf ihrer Homepage. Was bietet Victorinox an?
- Wahl einiger weniger Modelle, welche sicher überhaupt zur Personalisierung eignen
- Wahl von Standardfarben (beim Verkaufsschlager Spartan: 7 Farben zur Auswahl)
- Individuelle Gravur auf der Vorder- und/oder Rückseite (preislicher Aufschlag)
Was gibt es bei SWIZA?
- Auf Anfrage lassen sich alle Modelle personalisieren
- Wahl von 15 Farben und verschiedene Schalenmaterialien (10 verschiedene Kunststoffschalen, 3 Holzschalen, 3 Laminatschalen)
- Individuelle Gravuren möglich
Zur Personalisierung gehört auch das individuelle Erlebnis, ein Zusammenbau unter Anleitung.
Bei Victorinox kann man an wenigen Standorten sein Taschenmesser zusammenbauen. Offiziell ist es nur im Shop in Brunnen auf Anfrage möglich. Die Wahl der Modelle ist sehr eingeschränkt. Teilweise ist es auch in Flagship Stores möglich, aber nicht immer und nicht überall.
Bei SWIZA kann man relativ neu entweder mit dem Kooperationspartner INITIUM oder bei SWIZA selbst auf Voranmeldung individuelle Modelle fertigen. Bei SWIZA bezahlt man dafür CHF 75.-, bei INITIUM je nach Modell deutlich mehr. Die individuellen Konfigurationsmöglichkeiten sind praktisch unbegrenzt, von der Wahl der Werkzeuge, bis hin zur Wahl der Schalen und der Gravuren. Es können auch Modelle gefertigt werden, welche gar nicht im offiziellen Programm von SWIZA sind. Alles was technisch möglich ist, kann gebaut werden.
Zusammengefasst
Von SWIZA bin ich im Vergleich zu Victorinox von folgenden Tatsachen beeindruckt:
- Flexibilität, auf Trends und Anfragen zu reagieren
- Kooperationen mit namhaften Firmen mit Entwicklung neuer eigener Produkte
- Individualisierung und Personalisierung (man stelle ich vor, man könnte bei Victorinox für einen Aufpreis von CHF 75.- seinen Yeoman fertigen, oder ein Swisschamp XL)
- Werkzeugvielfalt und Werkzeugentwicklung
Ob der Weg von SWIZA erfolgreich ist, kann ich nicht beurteilen. Als Kunde freuen mich oben genannte Tatsachen und Umstände, und ich denke, Victorinox könnte davon lernen. Das Beispiel Victorinox x La Marzocco zeigt auf, dass es genau in diese Richtung gehen könnte. Beim Thema Individualisierung und Personalisierung könnte Victorinox deutlich mehr machen und ich bin auch überzeugt davon, dass man gegen einen Aufpreis dies auch wirtschaftlich rentabel gestalten könnte. Man muss es nicht wie bisher gratis anbieten, das verlangt niemand. Es ist allen klar, dass der Aufwand dafür sehr gross ist. INITIUM verlangt für einen individuellen Zusammenbau unter Anleitung einen recht hohen Betrag.
Was meint ihr, und kennt ihr Beispiele von anderen Messerherstellern, bei denen Victorinox sich etwas abschauen könnte, oder von dem ihr beeindruckt seid?