Ich merke zunehmen: Alox hier, Alox dort, Alox überall. Gibt es keine anderen Themen? Victorinox soll dieses Alox neu auflegen, oder das Alox. Das nervt mich persönlich. Ich habe teilweise das Gefühl, wenn Victorinox etwas Neues herausbringt und es hat keine Alox-Schalen, ist mindestens die Hälfte der Community enttäuscht.
Und ich habe mich gefragt: warum nervt mich das, warum kann ich mich nicht darüber freuen? Und ich musste etwas in mich gehen, denn eigentlich mag ich ja die Alox Messer.
Und ich denke, ich habe die Ursache meines Elends gefunden.
Ich bin schon seit ca. 20 Jahren leidenschaftlicher Sammler von alten Taschenmessern. Mich interessieren nicht nur aktuelle Modelle, sondern insbesondere Vintage Taschenmesser, deren Entwicklungsgeschichte, deren Hintergrund. Und das ist mir wichtig.
Die Alox-Taschenmesser beginnen Ende der 1950-er Jahren. Wobei oftmals vergessen wird, dass Victorinox schon um 1900 eine ganze Serie Offiziersmesser mit Aluschalen hergestellt hat.
Erstmals tauchen die Alox Taschenmesser, wie wir sie heute kennen, in einem Katalog von 1959 auf. Dort werden sie beworben als «Pionier – das solide Arbeitsmesser für jedermann»

Teilweise wurden sie auch beworben als «Bauernmesser». Aber genau das sollten sie sein: stabile, pflegeleichte Taschenmesser für die Landbevölkerung, für Arbeiter, den Elektriker, den Bauern. Und entsprechend waren die Werkzeuge: stabile Schneideklinge, massive Ahle, Säge, Sackahle, Büchsenöffner, Hakenklinge, Elektrikerklinge, etc. Nicht ohne Grund entschied sich ein paar Jahre später die Schweizer Armee zur Einführung des Soldatenmessers Modell 61 auf Basis dieser Pionier-Taschenmesserserie. Robust, stabil, sicher, für den täglichen harten Einsatz konzipiert.
Über einen längeren Zeitraum wurde diese Serie praktisch unverändert produziert. Schon früh gab es auch nach Wunsch und gegen Aufpreis farbige Schalen für Werbezwecke. Aber auch hier: es waren Handwerksgeschäfte oder -zulieferer, welche solche Pionier-Taschenmesser bestellten und den Kunden weitergaben oder ihnen zum Verkauf anboten, wie Bugnard, Grossenbacher, Brütsch-Rüegger. Nach und nach ersetzte diese Alox-Serie die klassischen Bauernmesser - Taschenmesser mit Schalen aus Horn oder Fiber mit identischen Werkzeugen, welche Victorinox seit Beginn ihrer Existenz produziert hatte. Die Werkzeuge waren praktisch identisch.
Es dauerte bis in die 2000-er Jahre, bis ein gewisser Roger Remund alias SwissBianco Alox ausserhalb der Handwerker- und Bauernszene populär machte. Er bestellte bei Victorinox besondere Modelle und Konfigurationen an Alox-Taschenmessern in bunten Farben und in kleinen Auflagen, von wenigen Stück bis meist maximal 100 Stück. Ich denke das war der Beginn des eigentlichen Alox-Booms, respektive der Grundstein. Denn die Messer verkauften sich lange Zeit nicht besonders gut. Swissbianco vertrieb einen Newsletter, in dem man die einzelnen Messer bestellen konnte, oder direkt über seine Homepage. Gleichzeitig machte Swissbianco auch Mods und eigene Produkte, teilweise mit Teilen von Victorinox. Nach und nach wussten diese speziellen Alox-Messer zu gefallen und zu begeistern. Swissbianco hatte ein gutes Marketing. Er dachte sich schöne Fantasienamen aus für die besonderen Konfigurationen, und lange Zeit hatte es den Anschein, dass er fast eine Art Monopolstellung auf dem Markt hatte. Er konnte bestellen was er wollte, und dies wurde geliefert. Günstig eingekauft, verkaufte er es teurer weiter. Es hatte den Anschein, dass alles geliefert wurde, egal wie extravagant der Wunsch war, oder wie abenteuerlich die Zusammenstellung der Werkzeuge. Andere Onlineshops, Händler und Sammlergruppen zogen nach und bestellten ebenfalls individuelle Alox-Taschenmesser in kleinen Mengen.
Es dauerte recht lange, bis Victorinox eingriff und diese Bestellungen und Sonderwünsche unterband. Sie lancierten ab 2015 eine eigene limitierte Jahres-Alox-Serie an Taschenmesser mit wechselnden Farben. Seither bestimmt Victorinox weitgehend den Markt und hat alles in den eigenen Händen.
Auf was ich mit diesem geschichtlichen Abriss hinauswill: Alox-Taschenmesser, insbesondere der Grösse 93 mm, sind zum Sammlerobjekt geworden, und bewegen sich immer weiter weg von ihren Ursprüngen. Aus dem einstigen robusten Werkzeug für Landarbeiter und Handwerker ist ein Mode- und Designobjekt geworden. Und dieser Umstand bereitet mir am meisten Kummer, respektive diese beiden Aspekte bringe ich nicht zusammen. Alox-Taschenmesser heute verstauben leider zunehmend in irgendwelchen Schubladen und Vitrinen, als dass sie gebraucht werden. Der Wunsch der Sammler nach immer neuen Modifikationen, Modellen und Farben beruht doch einzig auf dem Wunsch, die Sammlung zu erweitern und wieder etwas neues, seltenes und extravagantes zu bekommen. Es wird oft nicht nach einem Werkzeug nachgefragt, welches tatsächlich auch gebraucht werden könnte, sondern nach Werkzeugen oder Konfigurationen, welche nicht mehr hergestellt werden, aus gutem Grund nicht mehr hergestellt werden. Wie oft ich höre und lese: Marlinespike hier, Marlinespike da. Nein, es ist KEIN Marlinespike, es ist eine Sackahle! Der Bezug zur Seefahrt gibt es nicht.
Ich kritisiere keine Sammler, jede und jeder soll tun und machen, was er oder sie will. Auch Alox als Modeobjekt ist ok. Aber beides zusammen geht nicht für mich und finde ich schwierig. Ich finde es gut und lobenswert, dass Victorinox weiterhin Alox-Taschenmesser produziert. Ich bin aber dafür, dass man 2 Linien fährt.
Eine erste Alox-Linie in der Grösse 93 mm: robuste, stabile Handwerkermesser mit den entsprechenden Werkzeugen, welche tatsächlich auch heute noch gerne gebraucht werden. Günstig, stabil, gut. Und unlimitiert. Gerne auch mehrere Farben, aber solche Farben, die Sinn machen. Und 93 mm ist schliesslich die Pionier-Linie – Pionier verstanden als jemanden, der wie ursprünglich im Wilden Westen mit viel Mut und Kraft das Land eroberte, rodete und kultivierte. Der Pionier war ein Arbeiter, kein Laufstegjunge.
Eine zweite Alox Linie beispielsweise in der Grösse 84 mm oder 58 mm: extravagante Konfigurationen, schillernde Farben, Bi- oder Tri-Color oder was weiss ich, gerne auch mit Fantasiewerkzeugen für den Sammlermarkt, limitiert, preislich egal. Dort kann von mir aus auch ein Lineal verbaut werden, oder ein Gemüsehobel, oder eine Wasserwaage. Spielt absolut keine Rolle, weil die einen ganz anderen Markt bedienen, nämlich denjenigen der Sammler von Mode- und Designobjekten.
Beide Märkte und Anspruchsgruppen haben ihre Berechtigung, keine Frage. Aber beide gleichermassen zu bedienen mit den gleichen Modellen funktioniert meiner Meinung nach nicht. Mit den 2 Linien hätte man eine klare Trennung, und kann die Bedürfnisse der einzelnen Gruppen gezielter und systematischer befriedigen, das Marketing entsprechend gestalten und alle wären Happy.
Was denkt ihr dazu?